Ätherische Öle und Duftstoffe

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Physiologische und pharmakologische Wirkungen von Duftstoffen

Ätherische Öle werden seit über 5000 Jahren als Parfum und zur mentalen, spirituellen und physischen Heilung verwendet. Die Wirkung eines Duftes kann sofort eintreten und sowohl direkte als auch indirekte physiologische Effekte enthalten – selbst der Gedanke an einen Duft hat oft ähnliche Effekte wie der Duft selber.

In neuerer Zeit gibt es immer deutlichere Hinweise darauf, daß inhalierte oder dermal applizierte ätherische Öle in den Blutkreislauf gelangen und aufgrund ihrer hydrophoben Eigenschaften sogar in der Lage sind, die Blut-Hirnschranke zu passieren. Das deutet darauf hin, daß die heilsamen Effekte von Duftstoffen hauptsächlich pharmakologischer Art sind. Diese Schlußfolgerung wird auch dadurch gestützt, daß spezielle Öle  in der Aromatherapie wirksam in der Behandlung von chronischen Schmerzen, Depression, Angststörungen und einigen kognitiven Störungen sowie bei Schlaflosigkeit und stressbedingten  Störungen eingesetzt werden können. Die Verwendung von Duftstoffen mit zentralnervöser Aktivität als Medikamente könnte die psychotherapeutische Praxis dadurch revolutionieren, daß bis heute keine Nebenreaktionen von Aromen bekannt sind.

Ein möglicher Wirkort von Duftstoffen im Gehirn ist das
gamma-Aminobuttersäure (GABA)-System. Liganden, die zu einer Aktivierung des GABAA-Rezeptors führen, haben typischerweise anxiolytische, antikonvulsive, beruhigende und muskelentspannende Eigenschaften.

Duftstoffe mit GABAA-Rezeptoraffinität sind z.B. Thymol, Menthol oder die Duftkomponenten von Whisky oder Oolongtee. Die Bindung dieser Substanzen an die GABA-Rezeptoren ist sicher ein wesentlicher Teilaspekt der beruhigenden Wirkungen von Thymian, Minze oder Whisky.

Ein anderer und nicht weniger interessanter Wirkort von Duftstoffen im ZNS sind spannungsabhängige Calciumkanäle. Sie stellen eine Gruppe von spannungsabhängigen Ionenkanälen dar, die in erregbaren Zellen (wie Muskelzellen oder Neuronen) gefunden werden. Die bekannteste Bindungsstelle an spannungsabhängigen Calciumkanäle ist die sogenannte alpha2delta(a2d)-Untereinheit. a2d-Liganden sind eine wachsende Substanzklasse, die durch Bindung an eine der Hilfsuntereinheiten der spannungsabhängigen Calciumkanäle binden und dadurch den Calciumeinstrom in die Zelle beeinflussen. Sie haben nur minimale Effekte bei physiologischer synaptischer Funktion, sie reduzieren aber den Calciumeinstrom unter hypererregten oder pathologischen Bedingungen. Diese Modulation resultiert in einer Senkung der erhöhten Neurotransmitterfreisetzung, die bei Stress oder bestimmen neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen beobachtet wird. In anderen Worten, die Wirkung von a2d-Liganden hilft, ein gestörtes neuronales System wieder zurück ins Gleichgewicht zu bringen.

Die Bindung an die a2d-Untereinheit der spannungsabhängigen Calciumkanäle kann ein molekularer Grund für die beruhigenden und stimmungsaufhellenden Eigenschaften von ätherischen Ölen aus Lavendel, Zitronenmelisse oder Bergamotte sein.

Gerne bieten wir Ihnen zur Untersuchung Ihrer aromatischen Substanzen ein individuell abgestimmtes Paket aus Rezeptorbindungsuntersuchungen, Neurotransmitterfreisetzung und Wiederaufnahme an.

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